Wiesbadener Tagblatt vom 22.04.2006
Kopfbedeckung für Häuser: Dachgeschoss-Erneuerung ist gut für die Energiebilanz und erhöht den Wohnwert
In Zusammenarbeit mit der Kreishandwerkerschaft Wiesbaden-Rheingau-Taunus (KH) stellt das Tagblatt in einer zehnteiligen Serie bauliche Referenzobjekte in der Region vor, die unter den Gesichtspunkten Energieeinsparung, Emissionsreduzierung und Klimaschutz wegweisend sind. In einigen Folgen kommen die Partner des KH-Aktionsprogramms "Bedarf wecken" zu Wort, und schließlich werden die finanziellen Förderwege erklärt. Der heutige Beitrag befasst sich mit Dacherneuerung und -ausbau.
Von Lutz Schulmann
Was Dachdeckermeister Bernd Nies in dem dreigeschossigen Dotzheimer Wohnhaus aus dem Jahr 1935 unterm Dach vorfand, ließ ihn erst mal kräftig durchatmen. Winzige Kammern, notdürftig voneinander abgetrennt, das Dach komplett ohne Dämmung, zugige Spalten, die Schrägen mit eigentlich unbrauchbaren "Sauerkrautplatten" verkleidet, Zwischendecken aus Holz, Lehm und Stroh, und auch die Dacheindeckung selbst ließ unter heutigen Gesichtspunkten mehr als zu wünschen übrig. Was tun?
Die Antwort war schnell gegeben. Nies ging daran, mit seinen Mitarbeitern das Dachgeschoss komplett zu entkernen und neu aufzubauen. Das beinhaltete zum Beispiel die Erhöhung der Sparren, um später eine ausreichend starke Dämmung anbringen zu können, die komplett neue Dacheindeckung mit Tonziegeln, die Montage einer diffusionsoffenen, "atmenden" Unterspannbahn und den Einbau von Wohndachfenstern mit Sonnen- und Wärmeschutzverglasung, vormontierter Dämmung und Anbindung an die Dampfsperre.
Alle Maßnahmen zusammen sorgen für ein wesentlich verbessertes Raumklima im Dachgeschoss. Wohnfläche und Wohnwert steigen deutlich bei gleichzeitiger Senkung der Heizkosten. Peu a peu sollen auch die unteren Stockwerke des 30er-Jahre-Hauses modernen Energie-Erfordernissen angepasst werden, wahrscheinlich wird das Gebäude einen umfassenden äußeren Vollwärmeschutz erhalten.
Ähnlich radikal hat Zimmermeister Werner Ernst in Idstein eingegriffen. Hier gibt es eine Siedlung mit so genannten Stahlheber-Häusern, benannt nach dem damaligen Kreisbaumeister, die Ende der 40er Jahre entstanden. Die Wohnungsnot zu jener Zeit war groß, etliche Gebäude waren im Krieg zerstört oder zumindest schwer beschädigt worden, und es galt, in Westdeutschland Millionen von Flüchtlingen unterzubringen
"Die Stahlheber-Häuser waren zu jener Zeit eine wunderbare Erfindung", schwärmt Werner Ernst anerkennend. Mit der Senkung der Baukosten auf 30 Mark pro Kubikmeter umbautem Raum waren sie konkurrenzlos günstig, und sie boten zwei Familien Platz. Eine Wohnung hatte 40, die zweite 30 Quadratmeter. Im Prinzip bestand das Bauwerk aus einer Holz-Mauerwerk-Konstruktion, die mit fünf Kubikmetern Holz für die Skelettbauweise auskam - ein Prinzip, das auch im heutigen, modernen Holzhausbau wieder eine Rolle spielt.
Über die Jahre und Jahrzehnte stiegen naturgemäß die Ansprüche der Bewohner. In den 60er Jahren erhielt das kleine Haus einen Küchenanbau, später wurde das Wohnzimmer vergrößert. Familie Sponer, die heute hier wohnt, ließ im vergangenen Jahr eine größere Um- und Ausbauaktion zum Energie sparen vom Zimmergeschäft Ernst durchführen. Im Zuge dessen wurden das Dachgeschoss in Gänze entkernt, die Sparren für eine 20-Zentimeter-Wärmedämmung aufgedoppelt, das Dach neu gedeckt, Fenster mit Wärmeschutzglas eingebaut. Und schließlich erhielt das Flachdach auf dem Wohnzimmeranbau noch eine Aufstockung in Holzrahmenbauweise, so dass hier ein neues Zimmer für Tochter Julia entstand.
Energetisches Fazit all dieser Maßnahmen: Im Dachgeschoss herrscht jetzt Niedrigenergie-Standard. "Die Heizung konnte in diesem Winter oben oft ausbleiben", freut sich Mutter Isolde Sponer. Die Bilanz des Gesamtenergieverbrauchs im ersten Winter nach den Umbauten dürfte ebenfalls hervorragend ausfallen.